Am Samstag, dem 12. Juni, dem Tag des ersten Gruppenspieles der argentinischen Fußballnationalmannschaft gegen Nigeria, kamen uns im Projekt drei Journalisten der Zeitschrift Olé besuchen, während wir das Spiel mit einigen Jugendlichen des Projektes schauten. Olé ist die einflussreichste Sportfachzeitung Argentiniens und der meistverkauften Tageszeitung Clarín unterstellt – ungefähr vergleichbar mit BILD sowie SPORT-BILD. Die Journalisten schrieben einen Artikel darüber, wie das erste Spiel der “Selección” im Armenviertel Villa Fiorito erlebt wurde. Am nächsten Tag waren wir in der Zeitung, auf der Rückseite des Blattes, das für 2,75 Pesos zu erwerben ist (etwa 65 Eurocent). Der Artikel ist einerseits auf der Website von Olé erschienen (hier), ihr könnt aber auch HIER klicken, um den Originalartikel zu lesen. Wir sind auf einem der Bilder (unten rechts) zu sehen. Der Bericht ist natürlich auf Spanisch, hier die Übersetzung:
Von welchem Planet kamst du? Diego Maradona, Villa Fiorito. Der Staubfusel (Anm.: Maradonas Spitzname) bewegt das Viertel.
Wir sahen das Debüt der Nationalauswahl in Villa Fiorito: wir besuchten die Fundación Che Pibe, wenige Blocks entfernt von dem Ort, an dem Diego lebte, und in dem Viertel trafen wir auf … zwei Deutsche! Weiterhin besuchten wir die Bar „Cacho“, wo man den Erfolg eben wie in einer deutschen Bar feierte: mit frischgezapftem Bier. Wir wollten uns dem ehemaligen Haus der Nummer zehn nähern, aber wir endeten wie die Nationalmannschaft: uns einen Schutzhelm überziehend.
Prall gefüllt mit Reportern und Totis Pasman.
Die Bar „Cacho“, in der Straße Murature in Fiorito, ist prall gefüllt von Reportern und Totis. Alle lassen sich volllaufen. An diesem Ort, angebetet mit argentinischen Nationalfahnen, Postern von Diego, Che (Anm.: Guevara) und Palermo, bleibt nicht ein Stuhl frei, also setzen sich einige auf die Billardtische. Es fehlt noch ein bisschen, bis das Spiel beginnt und es gibt einige, die bereits die Bewegungen zur wettbewerbsfähigen Vorbereitung gemacht haben: Die Dehnung zur Mango (Anm.: Umgangssprache für Geld) sowie zur Theke hin und zurück. Der Liter Bier kostet sieben Pesos und das Glas Wein zwei. „Siehst du? Die Männer hier schwitzen nicht durch den Fußball, sie nehmen ihn trinkend zu sich“, deutet Cacho, der Besitzer, an. Im Fernseher erscheint Maradona in einem grauen Anzug. Wahnsinn! Diego? Nein, der Anzug. Der Schneider hat sich wohl in der Größe vertan. Cacho kommentiert, das er den Staubfusel einige Male hier in Fiorito gesehen hat. „Es ist nicht lange her, als er das letzte Mal kam, eh. Das war wegen seiner Freundin, Verónica, die hier um die Ecke in der Straße Pilcomayo lebte“, präzisiert er während er die Augen nicht vom Fernseher wegbewegt. Hier ist der Fernseher weder ein LCD noch ein Plasma-Bildschirm. Was macht das schon aus. Der Apparat steht oben in einer Ecke, wie ein Altar, und wir alle bringen ihm unsere Zuneigung entgegen, als wäre er eine wundervollbrigende Maschine.
Das Wunder nähert sich. Es taucht Heinzes Kopf auf. Die Bar „Cacho“ ist außerdem, das entdecken wir jetzt erst, gefüllt von Fässchen. Vorher schaute man aus den Augenwinkeln auf Heinze und jetzt, und jetzt, „Großartiger Gringo (Anm.: Heinzes Spitzname)“. In der Bar gibt es Umarmungen, Schreie und ein Menü: Cacho bietet hausgemachte Cannelloni und im Ofen gemachtes Steak mit Kartoffeln an. Eine Weile später sehen wir, im Fernseher, wie uns der Nigerianer Obina fast in den Ofen schiebt. Wir machen das klar.
Villa Fiöriten (Anm.: Der Name soll deutsch wirken). Mittlerweile regnet es kräftig. Unser Auto fährt durch das Viertel. Es ist Halbzeit und das Landschaftsbild ist wie erwartet: Argentinien führt. In Fiorito, einem der ärmsten Orte im großstädtischen Raum, ist die Landschaft auch wie erwartet: man sieht unsicher gebaute Häuser, Hunde zwischen all dem Müll, Karren der Cartoneros (Anm.: Papier –und Müllsammler). Auf den Straßen befindet sich nicht eine Menschenseele bis sich die Landschaft ein wenig ändert: Auf einmal laufen hier zwei… Deutsche.
„Simon Osladil“, stellt sich ein zwanzigjähriger Blondschopf mit Brille, geboren in der Nähe von Köln, vor. An seiner Seite befindet sich Desiree Haun, auch sie ist Landsmännin von Beckenbauer und Claudia Schiffer. „Ich bin aus Bayern“, sagt Desiree, „es ist unglaublich, niemand ist auf der Straße. Ich dachte, ich sei die einzige Person auf der Welt“. Simon ist Fan des FC Bayern Micho (Anm.: Micho ist der Spitzname von Martin Demichelis, einem argentinischen Spieler des FC Bayern München) und erzählt, dass er hierherkam, da er nach dem Abschluss der Schulzeit in Deutschland einen Militär –oder Sozialdienst machen musste. Er wählte das soziale Jahr, reiste nach Argentinien und nun, zusammen mit Desiree, führt er Gemeinschaftsaufgaben in der Fundación Che Pibe aus, das sich mit der Essensausgabe an Kinder aus dem Viertel beschäftigt und ihnen Aktivitäten sowie Workshops anbietet. Im Projekt schauen die Jungs das Spiel, klar. Außerdem angesteckt vom Fernseher sind Simon und Desiree. Beide tragen das Trikot der argentinischen Nationalmannschaft. „Der Name des Schiedsrichters, Stark, bedeutet ‚Fuerte‘“, schildert Simon detailliert.
Marcos, einer der Jugendlichen des Che Pibe, sagt, dass die Nummer 10, Diego, dem Projekt einen Reisebus schenkte, wie auch den Rasen, die Flutlichter und die Tore für den Fußballplatz des Viertels. In Fiorito erzählt man, dass Frau Tota, als sie ihn zur Welt brachte, „Tor!“ schrie. Hier haben wir bereits Tor geschrien, aber es bleibt weiterhin eine Geburt: der Nigerianer Uche schießt frei vor dem Tor daneben. Wenige Meter vom Projekt entfernt, in der Straße Azamor, ist das Haus der Zehn. Man erzählt uns, das Haus sei belegt durch Cartoneros und, als wir uns dem Ort nähern wollen, droht ein Herr damit, Steine auf uns zu werfen. Uns einen Schutzhelm überziehend beendet Nigeria das Spiel, als der Schiedsrichter pfeift. Wir atmen auf. Die Geburt ist vorbei.
Bild oben: Bar de Cacho. Die Männer feiern in der Bar in Fiorito in der Straße Murature. „Bis zum Finale hören wir nicht auf“, prognostiziert Cacho, der Besitzer.
Landkarte: Fiorito befindet sich im Süden von Gran Buenos Aires, im Partido Lomas de Zamora.
Bild unten links: Das Haus Gottes, besetzt. Das Haus in dem Diego geboren wurde ist das Blaue. Die Nachbarn sagen es sei besetzt von Cartoneros. Außenstehende dürfen sich dem Ort nicht nähern.
Bild unten rechts: Fundación Che Pibe. Der erste von links ist Simon; die Blonde auf der rechten Seite ist Desiree. Deutsche in Fiorito.
Erfahrungsbericht Nummer 5
10. Juni 2010
Liebe Freunde und Interessierte,
nun ist auch mein 5. Erfahrungsbericht fertiggestellt, der die Monate März & April behandelt. HIER klicken zum Download! Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und freue mich über jegliche Rückmeldungen!
Liebe Grüße aus dem winterlich-werdenden Buenos Aires,
Euer Simon